Freddy Litten

(Frederick S. Litten)

Alfred Kantorowicz ‒ Kurzbiographie

Die folgende Kurzbiographie wurde ursprünglich 1993 für den zweiten Band des "Professorenkatalogs" der Ludwig-Maximilians-Universität München verfaßt und 2000 auf den damals neuesten Stand gebracht. Da jedoch das Erscheinen dieses Bandes immer noch nicht absehbar ist, wird sie hiermit im Internet präsentiert, um vielleicht doch noch von Nutzen zu sein. Zwei Korrekturen zu den Lagern, in denen AK 1933 gefangen gehalten wurde, erfolgten am 19.10.2016 nach einem entsprechenden Hinweis eines Lesers.
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Kantorowicz, Alfred, * 18. 06. 1880 Posen, † 06. 03. 1962 Bonn. (isr., später konfessionslos). ⚭ 28. 2. 1912 Annemarie Steinlein, ⚭ 1936 Elsa Trapp, * 1906.
V Wilhelm, Kaufmann; M Rosa Gieldzinsky.

Nachdem er das "Einjährige" an einem humanistischen Gymnasium in Berlin abgelegt hatte, begann K. das Studium der Zahnmedizin. Am 17. 12. 1900 erhielt er die Approbation als Zahnarzt in Berlin, nahm dort aber bald das Studium der Med. auf. Zu diesem Zweck holte er 1902 das Abitur am Luisengymnasium in Berlin nach. Nach Studien in München und Freiburg legte er am 1. 7. 1905 die med. Staatsprüfung in Freiburg ab, am 7. 7. 1905 promovierte er an dieser Univ. in Medizin, am 7. 8. 1906 erhielt er dort die Approbation als Arzt. Anschließend war K. als Assistent am Virchow-Krankenhaus in Berlin und an der Chirurgischen Universitätsklinik in Bonn tätig, bis er 1909 als Assistent an das zahnärztliche Institut der Univ. München zu Walkhoff ging. Am 19. 12. 1911 habilitierte sich K. an der Univ. Göttingen, erkannte aber bald, daß die ihm dort in Aussicht gestellten Möglichkeiten nicht gegeben waren, und kehrte an die Univ. München zurück, wo er am 18. 3. 1912 zum Priv.-Doz. ernannt wurde. Zu dieser Zeit richtete er auch in Ruhpolding eine Klinik zur zahnärztlichen Behandlung von Schulkindern ein. Mit Kriegsausbruch kam K., nach freiwilliger Meldung, als landsturmpflichtiger Arzt an das Reservelazarett Hagenau im Elsaß, wo er ab 1916 als ordinierender Arzt und Leiter der Zahnstation fungierte. 1917 erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Mit Wirkung vom 1. 4. 1918 wurde K. zum "Lehrer der Zahnheilkunde" an der Univ. Bonn als Nachfolger Max Eichlers ernannt und übernahm die Leitung des privaten Zahnärztlichen Instituts sowie der Schulzahnklinik. Am 4. 6. 1918 erhielt er an der Univ. Bonn den Titel eines Prof.s, am 23. 8. 1921 wurde er pl. ao. Prof., am 15. 11. 1921 wurde K. zum Direktor des inzwischen verstaatlichten Zahnärztlichen Instituts der Univ. Bonn bestallt; die Leitung der dann durch die Stadt Bonn übernommenen Schulzahnklinik übernahm er im Nebenamt. Am 9. 4. 1923 wurde er zum o. Prof. an der med. Fakultät der Univ. Bonn ernannt, 1926 erhielt er den Dr. med. dent. h.c. der gleichen Univ. Als "Nichtarier" und wegen angeblicher "kommunistischer Betätigung" wurde K. mit Erlaß vom 23. 9. 1933 als Prof. entlassen; allerdings befand er sich, offenbar auch wegen seiner Aktivität als SPD-Stadtratsmitglied in Bonn, bereits seit April 1933 zuerst im Konzentrationslager Börgermoor im Emsland, dann im KZ Lichtenburg im heutigen Sachsen-Anhalt. Durch die Intervention des Präsidenten des Roten Kreuzes, des Kronprinzen von Schweden, wurde K. im Dezember 1933 aus dem Lager entlassen; daraufhin folgte er einem Ruf der Univ. Istanbul. Bis zu seiner Emeritierung 1948 war K. dort als o. Prof. an der zahnärztlichen Abteilung und als Direktor der Zahnärztlichen Hochschule tätig. 1946 wurde K. von der Univ. Bonn zur Rückkehr gebeten; wegen seiner angegriffenen Gesundheit kehrte er indes erst 1950 endgültig nach Bonn zurück. Nach seiner dortigen Emeritierung ernannte ihn der Sozialminister des Landes Nordrhein-Westfalen zum "Fachberater für Fragen der Schulzahnpflege", dieses Amt übernahm K. bis 1956. 1955 erhielt er von der Univ. Bonn den Dr. med. h. c.; kurz vor seinem Tod konnte er noch das Goldene Dozentenjubiläum feiern.

K.s wissenschaftliche Tätigkeit erstreckte sich über fast die gesamte zahnmedizinische Forschung; er zählte zu den herausragenden Zahnmedizinern seiner Zeit. Wichtig, wenn auch umstritten, waren seine Arbeiten über die Karies, daneben gibt es Untersuchungen über Bakteriologie und Histologie im zahnmedizinischen Zusammenhang. Für die Praxis waren K.s Forschungen auf dem Gebiet der Prothetik und der zahnärztlichen Chirurgie von Bedeutung, auch hielt er einige Patente. Herausragend sind indes seine Konzeption der Schulzahnpflege ("Bonner System") und seine Beschäftigung mit der Orthodontie ("Bonner Schule"). K. war einer der Begründer der vor allem unter prophylaktischen Gesichtspunkten betriebenen Schulzahnpflege ("Füllung des kleinsten Lochs", Einsatz von Vigantol zur Rachitis-Bekämpfung, automobile Schulzahnklinik); sein diesbezügliches, auch soziales Engagement erwies sich als wegweisend. In der Kieferorthopädie beschäftigte sich K. sowohl mit der Ätiologie (Berücksichtigung der erworbenen wie der vererbten Ursachen) als auch mit der Diagnose und Therapie bzw. Prophylaxe. Auch hier trugen K.s persönliche Überzeugungen dazu bei, daß die entsprechenden Ergebnisse allen sozialen Schichten zugute kamen. Ebenfalls von herausragender Bedeutung ist K.s Organisations- und Lehrtätigkeit. Ihm ist der Ausbau der Bonner Univ.zahnklinik zu einem Institut von Rang zu verdanken, das gleiche gilt für die Zahnmedizin in der Türkei, die er auf mitteleuropäisches Niveau führte. Neben der direkten Lehrtätigkeit, unter seinen Schülern finden sich z. B. W. Balters, L. Belger, G. Korkhaus und K. F. Schmidhuber, hatten auch K.s Vorträge und Lehrbücher große Wirkung.

Q UAM, E-II-N Alfred Kantorowicz; BayHStAM, MK 17778; BayHStAM, Kriegsarchiv, OP 32177.

W Kritik der neuen Methoden der Perkussion, Diss. Univ. Freiburg 1905 (gedruckt: Berliner Klinik, Heft 220, Berlin 1906); Bakteriologische und histologische Studien über die Caries des Dentins, Habil. Univ. Göttingen 1911 bzw. Univ. München 1912 (gedruckt: Deutsche Zahnheilkunde, Heft 21, Leipzig 1911); Zahnärztliche Technik, Berlin 1920; Klinische Zahnheilkunde, Berlin 1924 (drei Auflagen); Zahnärztliche Chirurgie (in Türkisch), Istanbul 1943; Hg.: Handwörterbuch der gesamten Zahnheilkunde, Leipzig 1929; Mithg.: Handbuch der Zahnheilkunde, München 1914ff.; zahlreiche Beiträge in Fachzs. und -büchern.

L DBA N.F.; Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft, 880; Fischer, 737; W. Langhoff, Rubber Truncheon, New York 1935, 184-186; K. Häupl, Prof. Dr. med. A. K. - 75 Jahre alt, Zahnärztliche Rundschau 64 (1955), 529-532 (P); A. M. Schwarz, A. K., Fortschritte der Kieferorthopädie 22 (1961), 506-508 (P); Hartlmair, Lectio aurea in Bonn, Prof. K. beging sein Goldenes Dozentenjubiläum, Zahnärztliche Mitteilungen 52 (1962), 271-272 (P); G. Korkhaus, A. K. - 1880-1962. Ein Kämpfer und gütiger Mensch ist tot, Zahnärztliche Mitteilungen 52 (1962), 322-324; W. Balters, Prof. Dr. med., Dr. med. h. c., Dr. med. dent. h. c. A. K. zum Gedächtnis, Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift 17 (1962), 1052-1054; H. Kremer, H. Büchs, Geschichte der Klinik und Poliklinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, Bonn 1967, 163-169; O. Wenig (Hg.), Verzeichnis der Professoren und Dozenten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 1818-1968, Bonn 1968, 140-141; I. Rose(-Dams), A. K. Sein Leben und seine Bedeutung für die Zahnheilkunde, Diss. Univ. Bonn 1969 (P); E. Sauerwein, Zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Prof. Dr. A. K., Deutsche zahnärztliche Zs. 35 (1980), 525-530 (P); Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration, Bd. 2, Teil 1, München 1983, 593; W. Hoffmann-Axthelm, Die Geschichte der Zahnheilkunde, Berlin 1985, 413, 433; A. Vicdani Doyum, A. K. unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in Istanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde), Diss. Univ. Würzburg 1985 (P); H. T. Loevy, Aletha A. Kowitz, A. K., pediatric dentistry innovator, Journal of dentistry for children 60 (1993), 263-269.

© Freddy Litten
13.7.2023